Eine nicht ganz alltägliche Art zu protestieren

"Die Deutschen, und sie nicht allein, besitzen die Gabe, die Wissenschaften unzugänglich zu machen." (Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832)

Open Air: Vom Fliehkraftregler zum Ferromagnetismus

Mal raus aus der Uni, eine Mathematikvorlesung auf dem Marktplatz halten, mittendrin im Alltagsleben? Das ist sicher etwas, wovon schon so mancher Hochschullehrer geträumt hat. Für den Bad Königer Physiker und Universitätsdozenten Dr. Andreas Seifert ging dieser Traum vor einigen Tagen in Erfüllung: Dr. Seifert, Mitarbeiter am Institut für Physikalische Chemie der Philipps-Universität in Marburg, ließ sich von seinen Studentinnen und Studenten nicht zweimal bitten, im Rahmen eines Aktionstages gegen die Einführung von Studiengebühren die Vorlesung "Mathematik für Studierende der Chemie III" im Freien zu improvisieren. Allerdings wurde dann doch nicht der Marktplatz in Marburg, sondern die Augustinertreppe zwischen der Unterstadt und der hochgelegenen Altstadt gewählt. "Das war ein Glücksfall. Eine große Resonanz hatten wir trotzdem. Und die Kollegen, die ihre Veranstaltungen auf dem Marktplatz durchführten, mussten gegen den Lärm von Baumaschinen ankämpfen; so ist das halt, wenn man sich mitten ins pralle Leben wagt." erzählt Seifert schmunzelnd.

Trotz der ungewohnten Umgebung war im spätherbstlichen Sonnenschein Arbeitsatmosphäre angesagt: Zwei Stunden Vorlesung, wobei jedoch ein Sonderthema "Vom Fliehkraftregler zum Ferromagnetismus" gewählt wurde. Eigentlich hätten "Komplexe Zahlen" auf dem Programm stehen müssen. "Dieses Thema ist allerdings nicht allzu prickelnd. Mit dem ungewöhnlichen Spezialthema wollte ich etwas vermitteln, was mir sehr am Herzen liegt: Ich möchte meinen Studentinnen und Studenten zeigen, dass man häufig in völlig verschiedenen Disziplinen auf die gleichen oder zumindest sehr ähnliche Phänomene stößt. Das ermöglicht ein Denken in Analogien, das für das wissenschaftliche Arbeiten enorm fruchtbar sein kann." doziert Seifert und zitiert den Schweizer Maler Anton Graff: "Gebildet ist, wer Parallelen sieht, wo andere völlig Neues erblicken."

Seifert ist strikt gegen die Einführung einer Verwaltungsgebühr, mit der seine Studenten nach dem Willen der hessischen Landesregierung belastet werden sollen. Diese Gebühr ist völlig willkürlich zur Sanierung des Landeshaushalts vorgesehen und kommt nicht den Hochschulen und Universitäten zugute. Schon jetzt müssen zwei Drittel der Studenten arbeiten gehen, eine zusätzliche Belastung wird sich noch nachteiliger auf das Studium auswirken.

"Es kann nicht angehen, das Studium mit solchen oder ähnlichen Maßnahmen immer weiter zu beschleunigen. Wer diesem Trend Vorschub leistet, der hat den Sinn eines Studiums nicht verstanden. Wir wollen Denken lehren, nicht Gedachtes. Es reicht nicht aus, unsere Studentinnen und Studenten mit Wissen voll zu stopfen. Wir brauchen keine lebenden Formelsammlungen, sondern Leute, die methodisch auch an völlig neue Aufgabenstellungen heranzugehen gelernt haben. Und das braucht seine Zeit, aber nur so bleiben wir konkurrenzfähig. Wenn wir uns stromlinienförmige Studenten wünschen, um diese dann möglichst reibungsfrei durch den 'Windkanal Studium' zu schleusen, so ziehen wir uns lediglich Fachidioten heran."

Seifert, der seit Jahren auch zukünftige Chemielehrer in den Fächern Mathematik und Physikalische Chemie ausbildet, sieht hier auch fatale Folgen für die Schulen: "Die Lehramtsstudierenden sind schon heute einem ganz enormen Druck ausgesetzt: Mir graut es bei der Vorstellung, dass unsere Kinder vielleicht eines Tages von Lehrern unterrichtet werden, die als 'Schnellstudenten', wie sie die hessische Landesregierung gerne sähe, ausgebildet worden sind. Da bleibt dann keine Zeit mehr für einen Blick hinaus über den Tellerrand. Und wie soll ich als Lehrer dann noch Freude an meinem Fach vermitteln und es mit all seinen Facetten lehren können?"

Nach der Vorlesung wird Seifert von Pressevertretern interviewt: "Nein, ich halte absolut nichts von einem Streik oder dem Boykott von Lehrveranstaltungen. Das macht uns unglaubwürdig. Wer wirklich etwas lernen will, der sollte stattdessen mit nicht alltäglichen Maßnahmen zeigen, wie die Lehre und das Lernen verbessert werden können. Wir haben dazu mit dieser Vorlesung einen kleinen Beitrag geleistet. Das ist meine Art von Protest, und ich werde Ideen, die in diese Richtung zielen, jederzeit wieder gerne unterstützen."


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© 2004 Dr. Andreas M. Seifert